Cholesterin- besser als sein Ruf

Beim Wort „Cholesterin“ denken viele Menschen sofort an etwas Schädliches. An verkalkte Gefäße, Herzinfarkt und Medikamente. Doch diese Sichtweise greift zu kurz.
Cholesterin ist kein Giftstoff. Im Gegenteil: Unser Körper braucht Cholesterin zum Leben.
Es ist Bestandteil praktisch aller Zellmembranen und dient als Ausgangsstoff für wichtige Hormone, Vitamin D und Gallensäuren. Auch im Nervensystem und in der Muskulatur spielt Cholesterin eine wichtige Rolle.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Ist Cholesterin gut oder schlecht?“
Sondern vielmehr:
Wie viel Cholesterin befindet sich wo im Körper – und wie hoch ist mein persönliches Herz-Kreislauf-Risiko?
Warum wir Cholesterin brauchen
Unser Körper stellt Cholesterin selbst her – und das aus gutem Grund.
Cholesterin und unser Gehirn
Das Gehirn ist besonders reich an Cholesterin. Es wird unter anderem für Zellmembranen und die Myelinscheiden benötigt, welche unsere Nervenfasern umgeben und eine schnelle Signalübertragung ermöglichen. Ein funktionierender Cholesterinstoffwechsel gehört daher zu den Grundlagen eines gesunden Nervensystems.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ein besonders hoher Cholesterinspiegel im Blut die Denkleistung verbessert. Das Gehirn reguliert seinen Cholesterinhaushalt weitgehend selbst.
Cholesterin und Hormone
Auch zahlreiche Hormone könnten ohne Cholesterin nicht gebildet werden. Dazu gehören unter anderem:
Cortisol, Aldosteron, Testosteron, Östrogene und Progesteron.
Cholesterin ist also ein wesentlicher Grundbaustein unseres Hormonsystems.
Cholesterin und unsere Muskeln
Auch Muskelzellen brauchen Cholesterin als Bestandteil ihrer Zellmembranen. Besonders die Membransysteme, die an der elektrischen Erregung und damit an der Muskelkontraktion beteiligt sind, enthalten Cholesterin. Ein gut regulierter Fett- und Cholesterinstoffwechsel ist somit auch für die normale Funktion der Muskulatur von Bedeutung.
Wenn Cholesterin lebenswichtig ist – warum soll man es dann senken?
Hier muss man zwei Dinge voneinander unterscheiden:
das Cholesterin, das unsere Zellen benötigen, und die Menge an Blutfetten allgemein, die in unserem Blut zirkulieren
Insbesondere dauerhaft erhöhte Konzentrationen von LDL-haltigen Partikeln sind mit einem erhöhten Risiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Deshalb betrachten wir einen Cholesterinwert niemals isoliert, sondern immer gemeinsam mit dem gesamten Risikoprofil eines Menschen.
Dabei spielen beispielsweise Alter, Blutdruck, Rauchen, Diabetes, familiäre Belastung und bereits vorhandene Gefäßveränderungen eine wichtige Rolle.
Ein leicht erhöhter Cholesterinwert bei einem ansonsten gesunden Menschen ist deshalb eine völlig andere Situation als derselbe Wert bei einem Patienten, der bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat.
Nach Herzinfarkt oder Schlaganfall gelten andere Regeln
Wenn bereits eine ausgeprägte Arteriosklerose vorhanden ist oder ein Herzinfarkt beziehungsweise ein durch Atherosklerose bedingter Schlaganfall aufgetreten ist, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für weitere Ereignisse.
In solchen Situationen kann eine konsequente und manchmal auch hoch dosierte Senkung des LDL-Cholesterins medizinisch sehr sinnvoll sein.
Die aktuellen europäischen Empfehlungen sehen bei Patienten mit sehr hohem kardiovaskulärem Risiko entsprechend niedrige LDL-Zielwerte und bei Bedarf eine intensive medikamentöse Therapie vor. Neben Statinen stehen dafür heute auch Kombinationen beispielsweise mit Ezetimib, PCSK9-Hemmern oder anderen Wirkstoffen zur Verfügung.
Es geht dabei nicht darum, Cholesterin möglichst vollständig aus dem Körper zu entfernen.
Das Ziel ist eine individuelle Risikoreduktion.
Und was ist mit Nebenwirkungen von Cholesterinsenkern?
Auch hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.
Cholesterinsenkende Mittel, s.g. Statine, werden seit vielen Jahren eingesetzt und sind insbesondere bei Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko gut untersucht. Dennoch gibt es Patienten, die unter einer bestimmten Dosierung oder einem bestimmten Präparat Beschwerden entwickeln – beispielsweise Muskelschmerzen.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass auf eine sinnvolle Cholesterinsenkung komplett verzichtet werden muss.
Je nach Situation kann man beispielsweise die Dosierung verändern, ein anderes Präparat wählen oder verschiedene cholesterinsenkende Wirkstoffe kombinieren. Auch für Menschen mit einer tatsächlichen Statin-Unverträglichkeit stehen inzwischen alternative Medikamente zur Verfügung. Die Therapie kann daher wesentlich individueller gestaltet werden als noch vor einigen Jahren.
Statinbedingte Nebenwirkungen lassen sich durch eine gezielte orthomolekulare Begleittherapie lindern. Dazu zählen beispielsweise Ubiquinol, die aktive Form von Coenzym Q10, sowie eine ausreichende, laborkontrollierte Versorgung mit Kalium und Magnesium.
Statinbedingte Nebenwirkungen können durch Ubiquinol, der aktiven Form von Co Enzym Q10, gelindert werden
Entsteht Arteriosklerose wirklich nur durch Cholesterin?
Auch die Entstehung der Arteriosklerose ist komplexer, als es manchmal dargestellt wird.
Über Jahrzehnte wurde vereinfacht vermittelt, Cholesterin lagere sich an der Innenseite der Arterie ab und verstopfe das Gefäß ähnlich wie Kalk ein Wasserrohr.
Die tatsächlichen biologischen Vorgänge sind wesentlich komplizierter. Entzündungsprozesse, Veränderungen der Gefäßwand, Blutdruck, Stoffwechsel, Immunreaktionen und Lipoproteine wirken miteinander.
Eine besonders interessante Sichtweise stammt vom deutschen Herzchirurgen Prof. Axel Haverich.
Die Vasa-vasorum-Hypothese von Axel Haverich
Große Arterien besitzen selbst winzige Blutgefäße, welche ihre Gefäßwand mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Diese kleinen Gefäße werden Vasa vasorum genannt – vereinfacht gesagt also „Gefäße der Gefäße“.
Haverich stellte die Hypothese auf, dass Störungen beziehungsweise Schädigungen dieser Vasa vasorum eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Arteriosklerose spielen könnten.
Seiner Überlegung zufolge könnte der Krankheitsprozess damit teilweise von außen nach innen in der Gefäßwand beginnen, anstatt ausschließlich durch Ablagerungen aus dem Blutstrom an der Gefäßinnenseite.
Er begründete diese Überlegung unter anderem mit der Beobachtung, dass Arteriosklerose bestimmte Arterien bevorzugt betrifft, andere Gefäße dagegen trotz ähnlicher Cholesterinbelastung vergleichsweise selten erkranken. 2017 veröffentlichte Haverich diese Sichtweise in der Fachzeitschrift Circulation.
Auch andere Forschungsarbeiten beschäftigen sich inzwischen intensiv mit der Rolle der Vasa vasorum bei Entstehung, Wachstum und Instabilität atherosklerotischer Plaques.
Was ich in meiner Ordination bei moderat erhöhtem Cholesterin berücksichtige
Nicht jede moderate Erhöhung des Cholesterins bedeutet automatisch, dass sofort ein Medikament notwendig ist. Gerade bei ansonsten stoffwechselgesunden Patientinnen und Patienten lohnt es sich, zunächst das gesamte Bild zu betrachten und mögliche beeinflussbare Faktoren zu optimieren.
Besonders die Hormonsituation spielt beim Fettstoffwechsel eine wichtige Rolle.
In meiner Ordination beobachte ich bei ansonsten stoffwechselgesunden Männern unter einer individuell abgestimmten DHEA-Therapie relativ häufig eine Senkung des Gesamtcholesterins und des LDL – Cholesterins im Schnitt um 30mg/dl. Nach meiner persönlichen Erfahrung betrifft dies etwa 70 bis 80 Prozent der so behandelten Patienten.
Wichtig ist mir dabei die klare Abgrenzung zur gesicherten Studienlage: Eine allgemeine cholesterinsenkende Wirkung von DHEA konnte in klinischen Studien bislang nicht überzeugend nachgewiesen werden.
Aber auch bei den Damen zeigt sich nach Etablierung einer Hormonersatztherapie mit Östradiol und Progesteron eine Senkung von erhöhten Blutfettwerten – wenn auch nicht so stark ausgeprägt wie bei den Herren.
Mein Ziel ist dabei nicht, einen einzelnen Laborwert um jeden Preis zu verändern. Es geht darum herauszufinden, warum ein Wert erhöht ist, welches tatsächliche Risiko besteht und an welchen Stellen wir sinnvoll ansetzen können.
Stress und Lebensstil
Ein besonders wichtiger Ansatzpunkt bleibt die Lebensstiloptimierung. Regelmäßige Bewegung, ausreichend Muskelaktivität, eine ausgewogene Ernährung, guter Schlaf, ein gesundes Körpergewicht und der Verzicht auf Nikotin können den Fettstoffwechsel und gleichzeitig viele weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren günstig beeinflussen.
Dabei wird ein Faktor häufig unterschätzt: chronischer Stress. Cholesterin ist der Ausgangsstoff für die Bildung verschiedener Steroidhormone – darunter auch Cortisol, eines unserer wichtigsten Stresshormone.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem Zusammenhänge zwischen psychischem Stress, erhöhten Cortisolspiegeln und ungünstigen Veränderungen des Fettstoffwechsels. Deshalb gehören Stressmanagement, ausreichende Regeneration und guter Schlaf für mich genauso zu einer ganzheitlichen Behandlung wie Ernährung und Bewegung.
Ballaststoffe – natürliche Helfer für den Cholesterinstoffwechsel
Auch Ballaststoffe spielen bei erhöhten Cholesterinwerten eine wichtige Rolle. Besonders gut untersucht sind lösliche, gelbildende Ballaststoffe wie Beta-Glucane aus Hafer sowie Flohsamenschalen (Psyllium). Sie können im Darm Gallensäuren binden beziehungsweise deren Rückresorption beeinflussen, wodurch der Körper vermehrt Cholesterin für die Neubildung von Gallensäuren verwendet.
Für Beta-Glucane aus Hafer ist eine cholesterinsenkende Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von etwa 3 g Beta-Glucan gut belegt. Auch für Flohsamenschalen zeigt die Studienlage eine messbare Senkung von Gesamt- und insbesondere LDL-Cholesterin. Gerade bei moderat erhöhten Werten können solche Ballaststoffe deshalb eine einfache und sinnvolle Ergänzung der Ernährung sein.
Vitamin D und Cholesterinstoffwechsel
Ein weiterer Faktor, den ich bei moderat erhöhten Cholesterinwerten gerne mitberücksichtige, ist der Vitamin-D-Status. Vitamin D ist nicht nur für den Knochenstoffwechsel von Bedeutung, sondern steht auch in Zusammenhang mit zahlreichen Stoffwechselprozessen.
Eine 2024 in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlichte Untersuchung mit 47.778 ambulanten Patientinnen und Patienten analysierte den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegeln und dem Fettstoffwechsel. Dabei zeigten sich alters- und geschlechtsabhängige Zusammenhänge zwischen dem Vitamin-D-Status und verschiedenen Lipidparametern wie LDL-, HDL- und Gesamtcholesterin. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Vitamin D und Lipidstoffwechsel miteinander in Beziehung stehen – wobei diese Zusammenhänge je nach Alter und Geschlecht unterschiedlich ausgeprägt sein können.
Für mich ist das ein weiterer Grund, bei einem auffälligen Fettstoffwechsel nicht ausschließlich auf den Cholesterinwert zu schauen, sondern auch den Vitamin-D-Spiegel zu bestimmen und einen bestehenden Mangel sinnvoll auszugleichen. Dabei ist jedoch wichtig: Die Studie zeigt eine Assoziation und beweist nicht, dass allein durch die Einnahme von Vitamin D erhöhte Cholesterinwerte gesenkt werden können.
Die Schilddrüse nicht vergessen
Fast niemand denkt bei erhöhten Blutfettwerten an eine Störung des Schilddrüsenstoffwechsels. Dabei ist gerade unsere Schilddrüse DAS zentrale Organ, welches Energiehaushalt, Grundumsatz und eben auch den Fettstoffwechsel steuert.
So habe ich beispielsweise im Medizinstudium noch gelernt, dass ein isoliert hoher Trigylzeridwert bei jungen Damen in puncto Schilddrüsenstoffwechsel aufhorchen lassen sollte.
Gerade wenn erhöhte Blutfettwerte mit anderen schilddrüsenspezifischen Symptomen wie übermäßigem Kältegefühl, vermehrtem Räuspern, Störung der Gewichtsregulation und vor allem übermäßiger Müdigkeit einhergehen, lohnt es sich die Schilddrüse genauer unter die Lupe zu nehmen und frühzeitig entsprechende orthomolekulare und ggf. medikamentöse Interventionen zu veranlassen.
Fruchtzucker und Alkohol – die Menge macht den Unterschied
Auch hohe Mengen an Fruchtzucker und Alkohol können den Fettstoffwechsel deutlich belasten. Besonders problematisch ist Fruktose, wenn sie regelmäßig in größeren Mengen über Softdrinks, Fruchtsäfte, Sirupe oder stark gesüßte Lebensmittel aufgenommen wird. Studien zeigen, dass eine hohe Fruktosezufuhr – insbesondere bei zusätzlicher Kalorienaufnahme – Triglyzeride erhöhen und auch LDL-Cholesterin sowie ApoB ungünstig beeinflussen kann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Obst komplett gemieden werden sollte: Fruktose aus ganzen Früchten wird gemeinsam mit Ballaststoffen, Wasser und Mikronährstoffen aufgenommen und ist metabolisch anders zu bewerten als konzentrierter Zucker in Getränken und Süßwaren. Allerdings sollte auch hier der Verzehr nicht übertrieben werden.
Auch Alkohol sollte bei erhöhten Blutfetten berücksichtigt werden. Alkohol wird überwiegend in der Leber verstoffwechselt und kann insbesondere bei höherem oder regelmäßigem Konsum die Bildung von Triglyzeriden fördern und eine Fettleber begünstigen.
Gerade bei erhöhten Triglyzeriden lohnt es sich , den Alkoholkonsum deutlich zu reduzieren oder für einige Wochen ganz darauf zu verzichten und anschließend die Blutfette erneut zu kontrollieren.
Mein Zugang: Nicht nur einen Laborwert behandeln, sondern den Menschen
Cholesterin ist weder grundsätzlich Freund noch grundsätzlich Feind.
Es ist ein lebenswichtiger Bestandteil unseres Körpers. Gleichzeitig können zu hohe Blutfette bei entsprechender Veranlagung und in Verbindung mit anderen Risikofaktoren zur Entstehung und zum Fortschreiten von Gefäßerkrankungen beitragen.
Deshalb sollte eine Entscheidung über eine Behandlung nicht allein aufgrund einer einzelnen Zahl auf dem Laborbefund getroffen werden.
Bei einem gesunden Menschen ohne wesentliche Risikofaktoren kann eine andere Vorgehensweise sinnvoll sein als bei jemandem mit Diabetes, ausgeprägter Arteriosklerose oder nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Und wenn eine medikamentöse Cholesterinsenkung notwendig ist, bedeutet das ebenfalls nicht automatisch „maximale Dosis für jeden“. Dosierung, Präparat und Kombination können an den einzelnen Menschen angepasst werden.
Gute Medizin bedeutet für mich, Nutzen und mögliche Nebenwirkungen gegeneinander abzuwägen – und gemeinsam eine Therapie zu finden, die zur individuellen Situation passt.
Denn am Ende behandeln wir keine Cholesterinwerte.
Wir behandeln Menschen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Cholesterinsenker sollten insbesondere nach Herzinfarkt, Schlaganfall oder bei bekannter Gefäßerkrankung nicht ohne ärztliche Rücksprache reduziert oder abgesetzt werden.
- Li X et al., Nutrients 2024 – Vitamin D und Lipidstoffwechsel.
- Whitehead A et al., AJCN 2014 – Beta-Glucan und LDL-Cholesterin.
- Zhang YH et al., J Nutr 2013 – hohe Fruktosezufuhr und LDL/Gesamtcholesterin.
- Stanhope KL et al., JCEM 2011 – Fruktose, Triglyzeride, LDL und ApoB.
- van de Wiel, 2012/2013 – Alkohol und Triglyzeridstoffwechsel.




