Vitamin D- nicht nur ein Vitamin

Vitamin D ist in aller Munde. Kaum ein anderer Mikronährstoff wird derzeit so häufig bestimmt, supplementiert und diskutiert. In Apotheken, Drogerien und im Internet findet sich eine kaum überschaubare Zahl an Vitamin-D-Produkten – als Tropfen, Kapseln oder Tabletten und in höchst unterschiedlichen Dosierungen.

Gerade deshalb ist eines besonders wichtig: Vitamin D sollte nicht nach dem Motto „viel hilft viel“ eingenommen werden.

Denn sowohl ein Mangel als auch eine Überdosierung können gesundheitliche Folgen haben. Die richtige Dosis ist individuell – und lässt sich am zuverlässigsten durch eine gezielte Blutuntersuchung und anschließende Verlaufskontrollen bestimmen.

Vitamin D ist eigentlich mehr Hormon als Vitamin

Der Name ist historisch bedingt. Bei der Entdeckung von Vitamin D dachte man ursprünglich, dass es so wie klassische Vitamine nur über die Nahrung zuzuführen ist.

Physiologisch verhält sich Vitamin D jedoch anders als ein klassisches Vitamin: Der menschliche Körper kann es unter dem Einfluss von UV-B-Strahlung selbst bilden. Aus Vorstufen entstehen über mehrere Stoffwechselschritte biologisch wirksame Formen, die an einem eigenen Vitamin-D-Rezeptor wirken. Nahezu alle Körperzellen sind mit solchen Vitamin D Rezeptoren versehen.

Die aktive Form, Calcitriol, ist funktionell ein Steroidhormon und beeinflusst über oben genannte Rezeptoren nebem den Calcium- und Phosphatstoffwechsel auch den Energiestoffwechsel und die Immunaabwehr. Außerdem ist es epigenetisch aktiv, das heißt, es entscheidet mit, welche Gene an- bzw. abgeschalten werden. Vitamin D ist damit wesentlich komplexer als ein gewöhnliches Nahrungsergänzungsmittel.

Im Alter produziert die Haut weniger Vitamin D

Ein wichtiger Faktor wird häufig unterschätzt: Mit zunehmendem Alter sinkt die Fähigkeit der Haut, Vitamin D zu bilden.

Studien zeigen, dass die Menge der Vitamin-D-Vorläuferstufen in der Haut zwischen jungem und höherem Erwachsenenalter erheblich zurückgehen kann. Damit nimmt auch die Fähigkeit zur körpereigenen Vitamin-D-Produktion ab.

Ältere Menschen gehören daher zu den Gruppen, bei denen ein Vitamin-D-Mangel häufiger auftreten kann.

Die richtige Vitamin-D-Dosis ist individuell

Eine Frage höre ich in der Ordination besonders häufig:

„Wie viel Vitamin D soll ich täglich einnehmen?“

Darauf gibt es nicht für jeden Menschen dieselbe Antwort.

Wie stark eine bestimmte Dosis den Vitamin-D-Spiegel anhebt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem der Ausgangswert, Alter, Sonnenexposition, Ernährung, Aufnahme aus dem Darm, Begleiterkrankungen und der individuelle Stoffwechsel.

Dieselbe  Vitamin D Dosierung kann bei zwei Personen zu völlig unterschiedlichen Blutwerten führen.

Eine sinnvolle Supplementierung besteht daher nicht darin, eine beliebige Standarddosis dauerhaft einzunehmen. Sie folgt vielmehr einem einfachen Prinzip:

messen – individuell dosieren – nachmessen – anpassen

Zur Beurteilung des Vitamin-D-Status wird üblicherweise die Serumkonzentration von 25-Hydroxyvitamin D [25(OH)D] bestimmt.

Warum die Nachmessung so wichtig ist

Wer Vitamin D einnimmt, sollte nicht automatisch davon ausgehen, dass die gewählte Dosis auch den gewünschten Effekt erzielt.

Eine Verlaufskontrolle beantwortet mehrere wichtige Fragen:

Steigt der Vitamin-D-Spiegel überhaupt an? Ist die gewählte Dosierung ausreichend? Ist sie möglicherweise zu hoch? Hat sich der gewünschte Zielbereich eingestellt?

Gerade weil die individuelle Reaktion unterschiedlich sein kann, ist eine Blutkontrolle wesentlich aussagekräftiger als die bloße Angabe einer bestimmten Zahl an Internationalen Einheiten auf der Verpackung.

Auch aus meiner ärztlichen Praxis kenne ich Patientinnen und Patienten, bei denen trotz regelmäßiger Einnahme bestimmter Präparate praktisch kein relevanter Anstieg der Serumkonzentration festzustellen war.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die genommenen Produkte mangelhaft ist. Es zeigt aber, warum ich mich bei einer Vitamin-D-Therapie nicht allein auf die Packungsangabe, sondern auf den tatsächlich gemessenen Kontrollwert verlasse.

Vitamin D und Magnesium – warum der Zusammenhang wichtig ist

Auch Magnesium spielt im Vitamin-D-Stoffwechsel eine Rolle.

Mehrere Enzyme, die an der Verarbeitung und Aktivierung von Vitamin D beteiligt sind, sind magnesiumabhängig. Ein ausgeprägter Magnesiummangel kann daher den Vitamin-D-Stoffwechsel ungünstig beeinflussen. Untersuchungen weisen darauf hin, dass der Magnesiumstatus auch die Reaktion auf eine Vitamin-D-Supplementierung beeinflussen kann.

Auch hier gilt: Die Gesamtsituation muss betrachtet werden und die Versorgung mit Spurenelementen, darunter auch Magnesium, am besten mittels Laboruntersuchung gemessen werden.

Mineralstoffe im Vollblut – darunter auch Magnesium im Vollblut – gehört in meiner Praxis zur Standarduntersuchung dazu

Und was ist mit Vitamin K2?

Vitamin D erhöht unter anderem die Calciumaufnahme im Darm und ist zentral am Calciumstoffwechsel beteiligt.

Es wird diskutiert, dass Vitamin K, vor allem Vitamin K2, den Einbau von Calcium in den Knochen fördert. Allerdings ist die Studienlage hierzu nicht ganz eindeutig. Zudem ist ein Vitamin-K2-Mangel bei ausgewogener Ernährung und ohne Erkrankung des Verdauungstrakts eher selten.

Es gibt allerdings zunehmend wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Vitamin D und Vitamin K im Knochenstoffwechsel positiv zusammenwirken können, was die Kombination von beiden Stoffen durchaus sinnvoll macht.

Gerade bei Kombipräparaten sollte man jedoch darauf achten, dass kein zu hoher Vitamin K Anteil in Relation zu Vitamin D eingenommen wird. Auch hier wird die Dosisfindung von Vitamin D und Vitamin K individuell eruiert.

Eine Vitamin-D-Überdosierung ist nicht harmlos

Vitamin D ist fettlöslich und kann sich im Körper anreichern. Anders als bei manchen wasserlöslichen Vitaminen wird ein großer Überschuss daher nicht einfach problemlos ausgeschieden.

Eine ausgeprägte Vitamin-D-Überdosierung kann zu einer Hyperkalzämie, also einem krankhaft erhöhten Calciumspiegel im Blut, sowie zu einer erhöhten Calciumausscheidung über die Nieren führen.

Mögliche Beschwerden reichen von Übelkeit, Appetitlosigkeit bis hin zu Schwächegefühl und Herzrhythmusstörungen. In schweren Fällen können Nierenschäden und andere Organprobleme auftreten.

Besonders hoch dosierte Präparate so wie sie am Markt rezeptfrei erhältlich sind,  sollten nicht unkritisch und ohne medizinische Indikation eingenommen werden.

„Einfach vorsorglich Vitamin D nehmen“ ist daher keine gute Strategie

Mein Prinzip: nicht raten, sondern messen

Vitamin D ist für den Körper wichtig. Genau deshalb sollte man verantwortungsvoll damit umgehen.

Es gibt keinen Grund, einen nachgewiesenen Vitamin-D-Mangel unbehandelt zu lassen. Es gibt aber ebenso wenig einen medizinischen Grund, dauerhaft hoch dosiertes Vitamin D einzunehmen, ohne zu wissen, welcher Blutspiegel dadurch tatsächlich erreicht wird.

Die optimale Dosis ist individuell.

In meiner Praxis bedeutet eine gezielte Vitamin-D-Einstellung deshalb:

Ausgangswert bestimmen. Individuelle Dosierung festlegen. Nach ausreichend Zeit kontrollieren. Dosis gegebenenfalls anpassen.

Je nach Situation werden dabei auch Magnesiumstatus, Calciumstoffwechsel, Nierenfunktion, Medikamente und weitere Laborparameter berücksichtigt.

Denn am Ende zählt nicht, wie viele Tropfen oder Einheiten auf einer Packung stehen – sondern was im Körper tatsächlich ankommt.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen medizinischen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Therapieempfehlung. Insbesondere bei hoch dosierter Supplementierung, Nierenerkrankungen, Störungen des Calciumstoffwechsels, Schwangerschaft sowie bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme sollte Vitamin D nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden.