Jod – das vergessene Spurenelement

Jod und Schilddrüsenfunktion
Jod ist unscheinbar, aber lebensnotwendig. Ohne Jod kann die Schilddrüse ihre Hormone T4 und T3 nicht ausreichend bilden. Diese Hormone beeinflussen nahezu den gesamten Organismus: Sie steuern den Energie-, Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel sowie die Wärmeproduktion
Bei Kindern sind sie außerdem unverzichtbar für Wachstum und Gehirnentwicklung.
Der Jodmangel ist nicht verschwunden
Deutschland und Österreich waren über lange Zeit klassische Jodmangelgebiete. Jodiertes Speisesalz und die Verwendung von Jodsalz in der Lebensmittelproduktion haben die Versorgung deutlich verbessert. Dennoch finde ich in den Blutanalysen regelmäßig niedrige bis deutlich erniedrigte Jodspiegel, welche einer gezielten Substitution bedürfen.
Jod wird dabei im Harn gemessen, ein Jodspiegel unter 100µg/µg Kreatinin gilt als Mangel, ein Wert um die oder unter 30 µg Jod/µg Kreatinin als schwerer Jodmangel.
Sehr oft zeigen sich auch klinisch dazupassende Symptome, wie beispielsweise
- Antriebsschwäche und Lustlosigkeit
- auffällige Müdigkeit
- depressive Verstimmungen
- Konzentrationsstörungen
- ungewöhnlich langsamer Herzschlag
- Verdauungsprobleme
- Kälteempfindlichkeit (frieren)
- brüchige Haare und Nägel
- knotig vergrößerte Schilddrüse- eine Struma nodosa – im fortgeschrittenen Jodmangelstadium
Alle genannten Symptome decken sich auch mit Symptomen der s.g. Hypothyreose – der Schilddrüsenunterfunktion. Manchmal kann man diese Beschwerden mit einer gezielten Substitution von Jod und anderen für die Schilddrüse wichtigen Mikronährstoffen gut behandeln (siehe Kapitel Selen, Eisen, Vitamin A). Hat sich allerdings eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion entwickelt, reicht die Jodsubstitution alleine nicht aus und es müssen auch Schilddrüsenhormone substituiert werden.
Was Jodmangel früher bedeutete
Die historischen Folgen eines schweren Jodmangels waren dramatisch. In manchen Regionen gehörten gewaltige Kröpfe – medizinisch „Struma“ genannt – zum vertrauten Straßenbild. Die Schilddrüse vergrößerte sich, weil sie über Jahre versuchte, aus einem knappen Jodangebot doch noch genügend Hormone herzustellen. Es entstanden Knoten und später zum Teil funktionell autonome Bereiche- das bedeutet, dass die Schilddrüse anfängt in machen Bereichen unkontrolliert Schilddrüsenhormone zu produzieren.
Besonders schwerwiegend war Jodmangel während der Schwangerschaft. Er konnte zu Fehlgeburten, angeborener Unterfunktion und bleibenden Störungen der Gehirn- und Körperentwicklung führen. Historisch wurde die schwerste Ausprägung als „Kretinismus“ bezeichnet. Dieser Begriff gilt heute als veraltet und stigmatisierend; medizinisch sprechen wir von schweren neurologischen und entwicklungsbezogenen Folgen des vorgeburtlichen Jodmangels.
Diese Bilder sind bei uns mitunter auch aufgrund der obligatorischen Jodeinnahme während der Schwangerschaft selten geworden.
Gute Vorsorge beginnt vor der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft steigt der Jodbedarf. Die mütterliche Schilddrüse produziert mehr Hormone, und das Kind ist in den ersten Schwangerschaftswochen vollständig auf die Versorgung durch die Mutter angewiesen. Später benötigt auch die kindliche Schilddrüse Jod für ihre eigene Hormonproduktion. Deshalb sollte bereits bei Kinderwunsch auf eine ausreichende Versorgung geachtet werden.
Die aktuellen Referenzwerte für tägliche Jodzufuhr nennen 150 µg Jod für Erwachsene, 220 µg Jod für Schwangere und 230 µg Jod für Stillende. Für Kinder werden je nach Alter 90µg Jod (4-7 Jahre), 120µg Jod (7-13 Jahre) und 150µg Jod (13-19 Jahre) als tägliche Zufuhr empfohlen.
Bei einer bekannten Schilddrüsenerkrankung gehört die Supplementierung vorab mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgestimmt. Das gilt ebenso für Kombinationspräparate: Mehrere Produkte gleichzeitig können unbemerkt zu einer zu hohen Gesamtdosis führen.
Die Versorgungslücke bei Jugendlichen
Während Jod in der Schwangerschaft zumindest regelmäßig thematisiert wird, gerät es nach der Kindheit leicht aus dem Blick. Ein flächendeckendes individuelles Jodmangel-Screening für Jugendliche gibt es nicht.
Gleichzeitig zeigen Bevölkerungsdaten gerade in dieser Altersgruppe eine relevante Unterversorgung. Vegane Ernährung, wenig Fisch und Milchprodukte oder der Verzicht auf Jodsalz können das Risiko zusätzlich erhöhen.
Im Gegensatz zu älteren Bevölkerungsgruppen mit potentiell bestehenden Schilddrüsenerkankungen, wo eigenmächtige Supplementierung mit Jod heikel werden kann, ist dies bei Kindern und Jugendlichen mit gesunder Schilddrüse nicht so streng zu sehen.
Demnach ist es meiner Meinung nach empfehlenswert, bei Kindern und Jugendlichen im Wachstum und ohne vorbekannte Schilddrüsenerkrankungen präventiv Jod in kindgerechter Dosis zu supplementieren. Hier kann man mit einem für Kinder geeigneten Multipräparat z.B Junior Multi Bo 13 von Biogena, wo die Joddosis bei 2 Kapseln 180µg beträgt, beginnen.
Praktisch ist hier, dass man die Kapseln öffnen kann und die s.g. Nutrigellets (kleine bunte Kügelchen) gut in ein breiiges Essen gemischt werden können. Des Weiteren sind in diesem Produkt noch andere Vitamine und Spurenelemente in kindgerechter Dosierung enthalen.
Hier würde ich bei Kleinkindern den Inhalt einer geöffneten Kapsel alle paar Tage empfehlen. Ab dem 10. bis 12. Lebensjahr kann dann auf ein bis zwei Kapseln täglich gesteigert werden. Für Allergiker sollte beachtet werden, dass Fischgelatine im Produkt enthalten ist
Bei Kindern und Jugendlichen kann- sofern die Schilddrüse gesund ist – mit gegeigneten, speziell für Kinder konzipierten Präparaten supplementiert werden. Dies dient der Prävention von Jodmangelfolgeerkrankungen
Vitamin A, Selen und Eisen
Die Schilddrüse arbeitet nicht mit Jod allein. Eisen wird unter anderem für die Thyreoperoxidase benötigt, ein Enzym, welches essentiell für die Schilddrüsenhormonbildung ist. Selenhaltige Enzyme sind an der Umwandlung und am Schutz des Schilddrüsengewebes vor oxidativem Stress beteiligt. Auch Vitamin A spielt im Schilddrüsenstoffwechsel eine Rolle.
Ein nachgewiesener Eisen- oder Selenmangel kann die Folgen eines gleichzeitigen Jodmangels verstärken und sollte korrigiert werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass hoch dosiertes Selen oder Eisen Schilddrüsenerkrankungen generell verhindert oder behandelt.
Eine Supplementierung sollte sich an Anamnese und Laborbefunden orientieren; auch ein Zuviel kann schaden. Gerade bei Selen sehe ich von zu langer und hochdosierter Einnahme in Form von Selenmethionin immer wieder Überdosierungen. Selen sollte daher kontrolliert substituiert werden.
Auch bei Vitamin A orientiert sich die Supplementierung an den gemessenen Laborwerten, da ein Zuviel an Vitamin A zu Leberschädigungen führen kann.
Eisensupplentierung kann deswegen problematisch sein, weil Eisenpräparate Übelkeit, Verstopfung oder eine allgemein schlechte Verträglichkeit bewirken können. Nur wenige Patientinnen und Patienten profitieren von oralen Eisenpräparaten und vertragen diese auch gut.
Bei einem verifizierten Eisenmangel eignet sich beispielsweise die Substitution mittels ein bis 2 Eiseninfusionen pro Jahr. Auch eine entsprechende Verbesserung der Eisenaufnahme durch Verordnung von Enzymen in Form von magensaftanregenden Supplements wird angestrebt.
Hashimoto: Jod ist nicht grundsätzlich verboten
Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis hören häufig, sie müssten Jod vollständig meiden. So pauschal stimmt das nicht. Jod ist weiterhin erforderlich, damit Schilddrüsenhormone gebildet werden können. Eine bedarfsgerechte Zufuhr über jodiertes Speisesalz und jodhaltige Lebensmittel ist bei Hashimoto in aller Regel unproblematisch. Auch in der Schwangerschaft erhalten Hashimotopatientinnen in der Regel Jod in Form von gängigen Schwangerschaftspräparaten, weil es einfach für die kindliche Entwicklung essentiell ist.
Entscheidend sind Dosis, Ausgangslage und Verlauf.
Selbstverständlich sollte ein/e Hashimotopatient/in in der entzündlichen Anfangsphase KEINE Supplementierung mit Jod erhalten. Dies kann den akuten Entzündungsprozess anheizen.
Hat sich die Erkrankung jedoch stabilisiert, kann je nach Labormessung bei bestehendem Mangel kurmäßig für wenige Wochen mehrmals im Jahr im Bereich von 50 bis 150mcg Jod substituiert werden. Dabei sind engmaschige Kontrollen wichtig, um sicherzugehen, dass von der Jodeinnahme auch profitiert wird. Viele meiner Hashimotopatientinnen und Patienten berichten von einer deutlichen Steigerung des Wohlbefindens im Rahmen der gezielten Jodsubstitution.
Entscheidend ist außerdem die Unterscheidung zwischen einer physiologischen Jodzufuhr und Jodexzessen. Sehr hohe Mengen, wie sie etwa durch bestimmte Algenprodukte oder hoch dosierte Präparate entstehen können, sind etwas völlig anderes als die bedarfsgerechte Versorgung.
KEINE Jodgabe bei folgenden Erkrankungen
Nach jahrelangem Jodmangel können sich autonome Schilddrüsenbereiche entwickeln. Das heißt, dass diese Areale dazu neigen, unkontrolliert Schilddrüsenhormone zu produzieren. Trifft eine solche Schilddrüse plötzlich auf eine große Jodmenge – zum Beispiel durch jodhaltiges Kontrastmittel, extrem jodreiche Algen oder hoch dosierte Präparate –, kann eine jodinduzierte Überfunktion der Schilddrüse ausgelöst werden.
Diese äußert sich genau so wie die Symptomatik einer Schilddrüsenüberfunktion:
- Nervosität, Zittrigkeit, erhöhte Herzrate,
- Schwellungsgefühl im Halsbereich
- Gewichtsabnahme etc.
Sollten diese Symptome nach Jodeinnahme auftreten, ist diese selbstverständlich sofort zu beenden und der/die behandelnde Arzt/Ärztin aufzusuchen.
Um die jodinduzierte Schildrüsenüberfunktion zu vermeiden ist es wichtig – gerade bei bereits bekannten Schilddrüsenerkrankungen und höherem Alter – Jod nicht eigenmächtig, sondern ärztlich begleitet zu supplementieren.
Ein anderes wichtiges Krankheitsbild, wo auf keinen Fall ein Übermaß an Jod konsumiert werden sollte, ist der Morbus Basedow
Bei bestehendem Morbus Basedow sollte auf Jodzufuhr im Rahmen von Nahrungsergänzungsmitteln verzichtet werden.
Maßvoller Einsatz von jodiertem Speisesalz ist in Regel auch bei Morbus Basedow unproblematisch.
Ausblick: Jodlipide und molekulares Jod
Jod dient nicht nur der Herstellung von Schilddrüsenhormonen, sondern wirkt offenbar auch außerhalb der Schilddrüse.
Neuere Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass besonders molekulares Jod (I₂) im Brust- und anderen Geweben antioxidative und vorbeugenede Effekte gegen Krebsentstehung entfalten kann.
Eine kleine randomisierte Pilotstudie untersuchte molekulares Jod außerdem ergänzend zur Chemotherapie bei Brustkrebs und fand Hinweise auf eine geringere Tumorinvasivität sowie eine verstärkte antitumorale Immunantwort.
Jod kann außerdem mit bestimmten mehrfach ungesättigten Fettsäuren reagieren: es entstehen s.g. Jodlipide. In Zell- und Tiermodellen aktivieren diese unter anderem den programmierten Zelltod von beispielsweise defekten Zellen, aus welchen potenziell Krebszellen entstehen könnten.
Wichtig ist zu erwähnen, dass die Studienlage hier noch sehr rezent ist und es noch weiterer Forschungsarbeit bedarf um diese ersten Ergebnisse verlässlich bestätigen zu können.
Mein Vorgehen in der Praxis
Jod im Harn zu bestimmen, gehört in meiner Praxis zur Standarduntersuchung. Einen nachgewiesenen Jodmangel behandle ich grundsätzlich, sofern keine Kontraindikation wie eine aktuelle Hyperthyreose, Morbus Basedow oder eine funktionell relevante Schilddrüsenautonomie besteht.
Dabei gilt: nicht schematisch behandeln, sondern immer individuell nach Risikofaktoren und Bedarf.
Ich berücksichtige Ernährungsgewohnheiten, Alter, Schwangerschaft oder Kinderwunsch, Medikamente sowie Vorerkrankungen der Schilddrüse und die aktellen Schilddrüsenwerte inkl. der Schilddrüsenantikörper.
Bei Risikokonstellationen beginne ich bewusst niedrig und steigere – wenn nötig – behutsam unter engmaschiger Labor- und klinischer Kontrolle. Eine relevante Autonomie sollte vor einer Supplementierung abgeklärt sein.
Ziel ist weder Jodverzicht noch Jodübermaß, sondern eine verlässliche, physiologische Versorgung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Dosierungen und Kontrollen müssen an die persönliche Situation, Begleiterkrankungen, Medikamente und die gesamte Jodzufuhr angepasst werden.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Jodzufuhr. 2025.
- American Thyroid Association: Hypothyroidism in Pregnancy.
- Sorrenti S. et al.: Iodine: Its Role in Thyroid Hormone Biosynthesis and Beyond. Nutrients. 2021;13(12):4469.
- Moreno-Vega A. et al.: Adjuvant Effect of Molecular Iodine in Conventional Chemotherapy for Breast Cancer: Randomized Pilot Study. Nutrients. 2019;11(7):1623. Studienregister NCT03688958.
- Arroyo-Helguera O., Rojas E., Delgado G., Aceves C.: Signaling Pathways Involved in the Antiproliferative Effect of Molecular Iodine in Normal and Tumoral Breast Cells: Evidence That 6-Iodolactone Mediates Apoptotic Effects. Endocrine-Related Cancer. 2008;15(4):1003–1011.
- Aceves C., García-Solís P., Arroyo-Helguera O., Vega-Riveroll L., Delgado G., Anguiano B.: Antineoplastic Effect of Iodine in Mammary Cancer: Participation of 6-Iodolactone (6-IL) and Peroxisome Proliferator-Activated Receptors (PPAR). Molecular Cancer. 2009;8:33.



